Studieren mit Handicap / Berufsbegleitendes Studium bzw. Fernstudium mit Behinderung

Für Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind oder mit anderen körperlichen Einschränkungen leben, birgt der Alltag größere Herausforderungen. Oft erscheint es abwegig, auch noch ein Studium unterzubringen. Dabei gibt es Möglichkeiten, die diesen Weg erleichtern. Zum Beispiel ein Fernstudium.

Erweiterte Chancen auf dem Arbeitsmarkt, vertieftes Wissen, abwechslungsreichere Aufgaben: Vieles spricht für ein Studium, die Zeit an der Hochschule aber fordert auch reichlich Einsatz. Aus gutem Grund wägen Menschen mit Handicap ab, ob die (oft wortwörtlichen) Hürden zu meistern sind und im angemessenen Verhältnis zum Nutzen stehen.

Absolventen, die es geschafft haben, raten grundsätzlich zu diesem Schritt. Einer von ihnen ist. Dr. Sven Drebes, Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Behinderung und Studium e.V. Seit dem zweiten Lebensmonat spastisch gelähmt und sprachbehindert, studierte er Volkswirtschaftslehre an der Universität Mainz, promovierte und arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik. Heute setzt er sich unter anderem für die Interessen behinderter Studierender ein. Auf seine Hochschulzeit blickt er gerne zurück. “Ein Studium eröffnet viel mehr Möglichkeiten als jede andere Ausbildung. Außerdem macht es sehr viel Spaß, sich selbstständig in neue Themen zu vertiefen und mit den neuesten Entwicklungen der Forschung in Kontakt zu kommen."

Defizite beim Präsenzstudium

Beim Präsenzstudium müssen Behinderte laut Drebes allerdings oftmals noch mit Defiziten zurechtkommen. “Zwar gibt es Fortschritte in diesem Bereich, doch es wird noch lange dauern, bis diese Entwicklungen jeden Winkel an jeder Hochschule erreicht haben.” Viele Dozentinnen und Dozenten seien unsicher, einige hätten auch Vorurteile oder Vorbehalte. Ein großer Teil der Hochschulgebäude sei nach wie vor nicht barrierefrei, auch bei den Lehrmaterialien und entsprechend geschultem Personal bestehe Nachholbedarf.

Ausnahmeregelungen

Beim Nachweis einer Behinderung können häufig Nachteilsausgleiche in Anspruch genommen werden, die beispielsweise eine mündliche anstelle einer schriftlichen Prüfung erlauben. Nicht immer aber lassen sich alle Teile eines Studiums durch andere ersetzen, und für behinderte Menschen ist es in der Regel schwerer, z.B. einen Praktikumsplatz zu finden oder ein Auslandssemester zu absolvieren. Auch der Weg zur Bildungseinrichtung und zurück ist in vielen Fällen nur mit Assistenz zu bewältigen.

Fernstudium - eine Alternative

Auch für viele Menschen ohne Behinderung ist die Möglichkeit, vom heimischen Schreibtisch aus zu studieren, eine gern gewählte Alternative geworden. Sie erlaubt mehr Flexibilität, spart Zeit und Wege und ermöglicht das Nebeneinander verschiedener Aufgaben ‒ etwa Kinderbetreuung oder beruflicher Tätigkeit.

Es liegt nahe, dass das Format gerade bei einer vorliegenden Einschränkung oftmals die perfekte Lösung bedeutet. So können auch Familienangehörige, die mit im Haus leben oder andere Personen, die unterstützend zum Alltag beitragen, beim Lernen oder der Handhabung der Materialien zur Seite stehen.

Beispiel Fernuni Hagen:

Das Fernstudium in Hagen schließt eine Reihe von Hilfestellungen für behinderte und chronisch kranke Studierende ein. Dazu gehören z.B. besondere Prüfungsbedingungen, Erleichterungen und Unterstützung bei Präsenzaufenthalten sowie Sonderregelungen für die Betreuung durch Mentoren.

Medien und Kommilitonen

Bei der Struktur und Gestaltung von Fernstudiengängen hat sich in den vergangenen Jahren sehr viel getan. So verfügen alle etablierten Fernhochschulen mittlerweile über einen Online-Campus, der den Kontakt zu Kommilitonen und Dozenten ermöglicht und für regen Austausch sorgt. Auch Studienaufträge und Kontrollaufgaben lassen sich in der Regel per Internet erledigen und versenden. Neben der individuellen Zeiteinteilung sind meist Fristverlängerungen möglich, sodass das Studium den Einschränkungen angepasst werden kann.

Präsenzphasen

Die meisten Fernstudiengänge beinhalten pro Semester einige Präsenztage oder -wochen, die eine Anreise zur Bildungseinrichtung erfordern. Vor Ort wird das Wissen nochmals aufgearbeitet und es gibt Raum für zusätzliche Fragen. Auch die Zwischen- und Abschlussprüfungen sind an Anwesenheit gebunden, wobei sich häufig auch Ausweichtermine einrichten lassen. Da sich die Präsenzphasen in Grenzen halten und lange im Voraus planen lassen, sind sie in der Regel auch mit Behinderung gut zu bewältigen.

Speziell geschultes Personal

Wie die Präsenzhochschulen, unterscheiden sich auch die Fernhochschulen hinsichtlich ihres Angebots für behinderte Menschen. Einige punkten durch Behindertenbeauftragte, die grundsätzlich zum Thema beraten oder speziell geschultes Personal, das an den Präsenztagen zur Seite steht. In Ausnahmefällen sind auch Präsenztermine oder Prüfungen im Umfeld des Teilnehmers möglich, oder diese Phasen können zumindest an ein näher gelegenes Studienzentrum übertragen werden. Es empfiehlt sich also unbedingt, die Angebote vorher genau zu vergleichen und konkret nachzufragen. Auch die Inhalte und Gestaltung der Fernstudiengänge variieren mitunter sehr.

Die Auswahl an Fernstudiengängen

Weil sich das Format bereits stark durchgesetzt hat, sind viele beliebte Studiengänge auch als Fernstudium möglich. Allerdings gibt es einige Ausnahmen. So können Studiengänge, die einen sehr hohem Materialaufwand oder spezielle Räumlichkeiten (z.B. Laboratorien) erfordern, meist nur als Präsenzstudium absolviert werden. Es bleibt aber immer noch eine breite Auswahl, von Psychologie über Elektrotechnik bis hin zum Master of Business Administration.

Die richtige Wahl treffen

Auch wenn es nahe liegt, bei der Entscheidung für einen konkreten Studiengang besonders die körperliche Einschränkung zu berücksichtigen: Das Hauptkriterium sollten die eigenen Neigungen und Fähigkeiten sein. Für Dr. Drebes ist dies ein wesentlicher Punkt. „Ein Rollstuhlnutzer, dessen Herz für Archäologie schlägt und dem die alten Sprachen zufliegen, für den Mathematik aber nie mehr als ein notwendiges Übel war, wird nie ein guter, geschweige denn ein glücklicher Informatiker.“

Der BAG-Vorstandsangehörige hält die Annahme für falsch, dass nur bestimmte Fächer und Berufe besonders gut für Menschen mit Behinderungen geeignet seien. „Ein Mensch, der das studiert, was seinen Neigungen und Fähigkeiten entspricht, wird einen guten Abschluss machen und einen Arbeitsplatz finden, sei es im Mainstream oder in einer Nische.“ Bei der Wahl des Studiengangs sollte das fachliche Profil daher die Hauptrolle spielen. „Je nach Art der Behinderung ist es aber auch wichtig, auf die Barrierefreiheit von Hochschule und Umfeld und besondere Angebote zu achten.“ Im Zweifelsfall gilt es Prioritäten zu setzen.

Sich gut informieren

Ausprägung und Schweregrad von Behinderungen können stark variieren. Selbst (Fern)hochschulen, die gut auf behinderte Menschen eingestellt sind, können aus der Distanz heraus nur bedingt eine Aussage darüber treffen, inwieweit das Studium für den Interessenten geeignet ist. Umfassende Informationen, möglichst gepaart mit einer persönlichen Beratung, sind also unverzichtbar.

Hier gibt es Hilfe und Beratung:

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